Das Projekt

Um was geht es?

Das Regionalmuseum Chüechlihus ist eines der grössten und vielfältigsten Regionalmuseen der Schweiz. Das Museum besitzt eine kulturhistorische Sammlung von gut 25’000 regional bis national bedeutsamen Objekten, die das Leben im oberen Emmental von gestern (bis heute) dokumentieren.

Über Jahre hinweg haben sich dabei hunderte Objekte angesammelt, die mehrfach vorhanden oder unvollständig sind. Die Geschichte der meisten von ihnen ist nicht dokumentiert. Diese Objekte kamen deshalb für eine Entsammlung – eine so genannte Deakzession ­– in Frage.

Von 2022 bis 2024 verfolgte das Regionalmuseum Chüechlihus ein auf drei Jahre angelegtes Entsammlungsprojekt. 2024 lag der Schwerpunkt auf Werkzeug, Bilderrahmen und vielem mehr (siehe Objekte). Dazu kam einiges an Museumsmaterial, das separat abgegeben wurde.

Was mit den Gegenständen geschah, die nicht im Museum blieben, entschieden wir gemeinsam mit den Emmentaler:innen.

Ausführlicher Projektablauf für Museumsfachleute

Project description in English

Description du projet en français

Medienmitteilungen 2024

Medienmitteilungen 2023

Medienmitteilungen 2022

Weshalb machten wir das gemeinsam?

Das Regionalmuseum Chüechlihus trägt als öffentliche Kulturinstitution zum verantwortungsvollen Umgang mit dem regionalen Kulturerbe bei. Als regionaler Austausch- und Begegnungsort ist es dem Museum in seiner täglichen Arbeit ein Anliegen, Brücken zu schlagen: zwischen seiner Sammlung und der Bevölkerung, aber auch zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, als Basis für die gemeinsame Zukunft.

Das Kulturgut, das wir im Museum sammeln und bewahren gehört der Emmentaler Bevölkerung, da es von hier kommt und die Geschichte der Region widerspiegelt. Aus diesem Grund gehörte allen Emmentaler:innen ein Mitspracherecht, was mit den Objekten geschieht, die wir aus dem Museum entlassen wollten. Sie entschieden mit, was mit den Objekten geschieht.

Jeder Entscheidungsprozess war jeweils zweistufig. Zuerst konnten alle Emmentaler:innen (Einwohner:innen und Heimatberechtige) online mitbestimmen, ob ein Objekt entsammelt werden soll und anschliessend in der dritten Phase, welche der eigegebenen Ideen für eine Weiterverwendung am meisten überzeugte und damit wer das Objekt erhalten sollte. Am Ende jeder Onlineabstimmung kam ein sogenannter «Objektrat» zusammen, der ebenfalls über die Schicksale der Objekte befand. Die Emmentaler:innen waren bei den Abstimmungen immer klar in der Mehrheit, denn auch im Objektrat waren Menschen aus der Bevölkerung vertreten. Im Objektrat waren bsp. 2024 10 Personen: fünf Personen aus der Bevölkerung und fünf Personen von Amtes wegen (siehe: Wer sind wir?). Bei den Entscheidungen 2024 flossen die Onlinestimmen jeweils als drei Stimmen in den Schlussentscheid mit ein. Dementsprechend machten die Bevölkerungsstimmen 2024 acht von dreizehn Stimmen aus. (D.h. die Online-Abstimmung war nicht das Schlussresultat, sie entsprach aber 2024 einem Viertel der Stimmen in den jeweiligen Schlussabstimmungen).

Kurz gesagt: die Meinung der Emmentaler:innen war und ist uns wichtig – jede Stimme zählte!

Mehr Infos zum Regionalmuseum Chüechlihus

Was lief wann?

Es fanden regelmässig öffentliche Veranstaltungen statt, an denen die Objekte besichtigt und Fragen gestellt werden konnten. Details dazu und das gesamte Programm 2024 findest du hier.

Das Projekt selbst war in drei Phasen unterteilt:

Abstimmungsphase 1: Entsammeln ja oder nein? (beendet)

Was entsammelt wird und was mit diesen Objekten passiert, wurde durch einen breit aufgestellten Objektrat, gemeinsam mit der Emmentaler Bevölkerung, entschieden. Alle Emmentaler:innen (Einwohner:innen und Heimatberechtigte) hatten die Möglichkeit auf dieser Website oder bei einer der Veranstaltungen vor Ort über die einzelnen Schritte abzustimmen.

Von Ende März bis Ende April konnten die Emmentaler:innen in einer ersten Abstimmungsphase ihre Stimme abgeben, welche Gegenstände das Museum nicht behalten, sondern weitergeben soll. Die Vorschläge dafür basierten auf einer Vorauswahl der Museumsmitarbeitenden.

Abschliessend entschied der Objektrat an einer Sitzung, ob die ausgewählten Objekte aus der Sammlung entlassen werden sollten. Die Online-Abstimmung flossss 2024 mit drei Stimmen in diesen Entscheid mit ein. Die entsammelten Objekte 2024 sind noch hier zu finden.

Bewerbungsphase #AltSuchtNeu: Wer will ein Objekt? (beendet)

Wer einem alten Gegenstand neues Leben einhauchen wollte, bewarb sich zwischen Mai und Juni online oder vor Ort für eines oder mehrere der Objekte. Dazu musste man nicht aus dem Emmental sein, es konnten alle mitmachen.

Für die Bewerbung musste man nur auf der entsprechenden Objektseite das Bewerbungsformular ausfüllen und uns erklären, was man mit dem Objekt machen wollte (z.B. Gebrauch in einem anderen Museum, Ausstellung in deinem Betrieb, Upcycling-Projekt oder Kunstaktion). Dabei konnte man seiner Fantasie freien Lauf lassen! Texte, eine Fotomontage, eine Skizze oder ein kurzes Video mit der Idee für die Weiterverwendung waren willkommen.

Abstimmungsphase 2: Wer erhält das Objekt? (beendet)

Nun begann die heisse Phase. Von Ende Juni bis Mitte August waren alle Bewerbungen online zu sehen und alle Emmentaler:innen konnten darüber abstimmen, welche Idee für eine Weiterverwendung für sie die sinnvollste war.

Anschliessend kam der Objektrat ein weiteres Mal zusammen und entschied, wer die zu entsammelnden Objekte erhält. Auch hier floss die Online-Abstimmung der Bevölkerung in den Entscheid mit ein.

Kurz darauf wurden die Personen informiert, die ein Objekt zur Umsetzung ihrer Idee erhalten sollten. Sie durften ihre Gegenstände am Chüechlihus-Sunndig, am ersten Sonntag im September, im Regionalmuseum Chüechlihus abholen. Alle anderen waren herzlichst eingeladen, ebenfalls im Museum vorbeizuschauen. Diesen Abschluss feierten wir jeweils mit einer öffentlichen Veranstaltung und Spezialprogramm.

Was wollte das Projekt erreichen?

  • Repräsentation: Die Sammlung des Regionalmuseum wird durch die Entsammlung unpassender und überzähliger Objekte langfristig repräsentativer und aussagekräftiger.
  • Nachhaltigkeit: Die Deakzessionsobjekte erhalten durch die öffentliche Aufmerksamkeit eine Wiederbelebung.
  • Transparenz: Das Museum kommuniziert regelmässig relevante Schritte und Informationen. Es dokumentiert den Deakzessionsprozess und macht diesen sicht- und erlebbar.
  • Partizipation: Die tatsächlichen Eigentümer:innen des kulturellen Erbes im Emmental, das im Regionalmuseum Chüechlihus bewahrt, vermittelt und diskutiert wird, werden entsprechend involviert.
  • Perspektiven: Die Bevölkerung schreibt die Geschichte des Oberemmentals mit.
  • Innovation: Langnau will und wird damit in der Deakzession wegweisend sein. Es handelt sich um ein Vorzeigeprojekt für (Schweizer) Museen.
  • Inspiration: Das Projekt ist wegweisend für die Zukunft der Region und ist ein Modell für die weitere Museumsarbeit.
  • Reflexion: Auseinandersetzung mit Geschichte und Kultur sowie Debatte/n über das Kulturerbe anstossen.
  • Spass: Es bereitet Freude, dabei zu sein.

Haben wir unsere Ziele erreicht? Die Abschlusspublikation #ALTSUCHTNEU liefert Antworten.

Wer sind wir?

Projektteam

  • Carmen Simon, Museumsleitung und Gesamtprojektleitung
  • Simon Schweizer, Projektleitung
  • Rebecca Häusel, Kommunikation
  • Carina Schmutz, Administration und Veranstaltungen (2024)
  • Laura Schaffroth, Administration und Veranstaltungen (2022 & 2023)
  • Zivildienstleistende und Freiwillige

Gestaltung und Druck: Simon Kauer und Andrina Wasem, Druckdesign Tanner

Website: Simon Wälti und Thierry Deiss, webage

Objektrat #AltSuchtNeu 2024

  • 3 Stimmen aus den Online-Abstimmungen auf dieser Website
  • 5 zufällig ausgeloste Langnauer:innen
    • Aurélien Gravy
    • David Jutzi
    • Sarina Kobel (zurückgetreten)
    • Martina Minder
    • Nina Vögeli
  • Marianne Nyffenegger, Gemeindepräsidentin Kirchberg BE
  • Martin Lehmann, Gemeinderat Ressort Kultur Langau i.E.
  • Samuel Buri, Gemeindeschreiber und Kulturbeauftragter Langnau i.E.
  • Carmen Simon, Museumsleitung
  • Simon Schweizer, Projektleitung

Objektrat #AltSuchtNeu 2023

  • 3 Stimmen aus den Online-Abstimmungen auf dieser Website
  • 5 zufällig ausgeloste Langnauer:innen
    • Markus Baumann
    • Yannick Gerber
    • Jacqueline Maurer
    • Martina Wegmüller
    • Morris Wittwer
  • Anna de Quervain, Grossrätin Kanton Bern aus Burgdorf
  • Martin Lehmann, Gemeinderat Ressort Kultur Langau i.E.
  • Samuel Buri, Gemeindeschreiber und Kulturbeauftragter Langnau i.E.
  • Carmen Simon, Museumsleitung
  • Simon Schweizer, Projektleitung

Objektrat #AltSuchtNeu 2022

  • 4 Stimmen aus den Online-Abstimmungen auf dieser Website
  • 2 zufällig ausgeloste Langnauer:innen
    • Christine Bucher
    • Stefan Rüegsegger
  • Elisabeth Zäch, Präsidentin Förderverein Emmental aus Burgdorf
  • Martin Lehmann, Gemeinderat Ressort Kultur Langau i.E.
  • Samuel Buri, Gemeindeschreiber und Kulturbeauftragter Langnau i.E.
  • Carmen Simon, Museumsleitung
  • Simon Schweizer, Projektleitung

Was ist Deakzession?

#DeakzessionWhaaaat?

Die Deakzession, also die Aussonderung von Objekten aus einer bestehenden Sammlung, widerspricht auf den ersten Blick den Grundaufgaben eines Museums und war viele Jahre ein Tabuthema in Schweizer Museen. Dennoch gehört das Entsammeln zum Museumsbetrieb: Eine Deakzession ist unter den richtigen Voraussetzungen und im engen Rahmen der gesetzlichen und ethischen Vorgaben nicht nur vertretbar, sondern für eine verantwortungsvolle Sammlungspflege auch notwendig.

Sammlungserweiterungen und Sammlungsentlassungen verlaufen im Museumsalltag oft parallel.

Gründe für eine Deakzession:

  • Änderung des Sammlungskonzepts
  • Dubletten (auch in Bezug auf andere Sammlungen)
  • Überrepräsentation
  • Fehlende oder unzureichende Dokumentation
  • Beschädigung/Defekt
  • Schad- und Gefahrenstoffe (objekt- und personenschädigend)
  • Verbesserung der Objektnutzung durch Abgabe an ein anderes Museum
  • Rückgabe/Repatriierung
  • Fehlende Relevanz

Gründe dagegen:

  • Zusammenhang: Eine Sammlung ist mehr als die Summe ihrer Teile
  • Respektierung der Sammlungsgeschichte
  • Vertrauensverlust: Eine Deakzession kann, wenn sie nicht sorgfältig begleitet und gut kommuniziert wird, den Ruf des Museums als bewahrende Institution schädigen und mögliche Donatoren von einer Schenkung abhalten
  • Möglicher Wissensverlust
  • Berücksichtigung der musealen Archivfunktion
  • Berücksichtigung der bisherigen Entscheide und Modeströmungen (langfristiges Denken)
  • Beeinflussung des Marktwerts (z.B. bei Kunstwerken), bzw. Schaffung eines Markts (z.B. für Teile von gefährdeten Tierarten)
  • Bewahrung als Nachweis von Forschungsresultaten und als Grundlage für neue Forschungsansätze

Die Verteilung der Objekte des Regionalmuseums Chüechlihus auf diverse Standorte in Langnau erlaubte während Jahrzehnten keinen einfachen Überblick über die Sammlung. Im Rahmen des Sammlungsumzugs ins neue Depot und der damit verbundenen Inventur konnten nun Objekte, die für eine Deakzession in Frage kamen, leicht identifiziert und separiert werden. 2022-2024 war deshalb der richtige Zeitpunkt, um den Deakzessionsprozess umzusetzen.

Was machte eine gute Bewerbung aus?

Nach welchen Kriterien wählte der Objektrat in der Schlussabstimmung die sinnvollsten Bewerbungen aus:

  • Der Erhalt der Öffentlichkeit werteten wir als wichtigstes Kriterium.
  • Das Objekt sollte im besten Falle museales und somit öffentlich zugängliches Gut bleiben, sofern ein anderes Museum Interesse zeigte, es in seine Sammlung aufzunehmen.
  • Für einige Objekte hätte auch die kantonale Denkmalpflege, eine Bibliothek oder ein Archiv die bessere Anlaufstation als ein Museum sein können. (Ein Fall, der nicht eingetroffen ist.)
  • Eine andere Art der Öffentlichkeit war die öffentliche Nutzung als Vermittlungsobjekt in einem Museum, als Teil einer Kunstinstallation, in einer Schule, in einem Geschäft oder Betrieb.
  • Falls die obigen Punkte nicht erfüllt werden konnten, war jede inspirierte Nutzung eine Möglichkeit, dem Objekt ein neues Leben zu ermöglichen.
  • Der Bezug zur Region war keine Pflicht, aber natürlich wünschenswert.

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